21.2.2005
Tun wir eigentlich genug für unseren Aquarianernachwuchs? Tun wir überhaupt etwas?

Es gibt wenig aktive junge Aquarianer/innen z.B. im BSSW (Arbeitsgruppe Barben-Salmler-Schmerlen-Welse im VDA, in der ich Mitglied bin). Schwindet das Interesse an der Aquaristik? Nach unserer letzten Mitgliederbefragung sieht es fast so aus: Vereine sind etwas für die Alten.

Kinder scheinen sich aber nach wie vor für Tiere zu interessieren. Zumindest kann man oft welche in Begleitung ihrer Eltern sehen, wenn sie ihre Nasen in Höhe der unteren Aquarienreihen in Zoohandlungen an die Frontscheiben drücken und Laute des Entzückens von sich geben. Sie würden wohl nach dem Buntheitsgrad auswählen wenn man ihre zeigenden Fingerchen richtig deutet.
Auch bei den größeren, die schon alleine in die Zoogeschäfte gehen, geht es wohl um Gucken-Kaufen-Mitnehmen und hoffen, dass der Fisch zuhause auch überlebt.

Gerhard Ott hat sich in der VDA-Aktuell 2/04 über die unbelehrbaren Nemo-Fans, die sich nicht sachkundig machen, bevor sie einen Fisch zu Tode "pflegen", beklagt - verständlich, werden viele sagen, aber können wir diese Haltung den Kindern wirklich vorwerfen, oder den Eltern, die sie nicht richtig erzogen haben, oder den Schulen, den Massenmedien usw. usw.? Es scheint mir nicht so einfach zu sein.

Bestimmte Dinge lernen Kinder heute nicht mehr, oder jedenfalls kaum noch:
Als Kinder in der Nachkriegszeit mussten wir damals lernen, auf kurzfristige Bedürfnisbefriedigung zu verzichten - es gab wenig und wenn, dann mussten wir darauf oft längere Zeit warten. Das hatte aber auch (wie ich heute weiß) immense Vorteile - wir haben gelernt, aufzuschieben, was für die meisten Lernprozesse unabdingbar ist. Wenn ich z.B. Gitarrespielen lernen will ist die Zeit der ersten Wochen und Monate eine frustrierende, weil alles ziemlich schlecht klingt und ständig die Finger schmerzen usw. Wenn man nun nicht von klein auf gelernt hat, auf kurzfristige Bedürfnisbefriedigung zu verzichten, wird man wahrscheinlich die Gitarre bald in die Ecke stellen - oder die Fische aus dem nicht "funktionierenden" Aquarium zu Tode gepflegt haben (um wieder zu unserem Thema zurückzukommen).

Dieses Erziehungs- oder Erfahrungsdefizit ist leider auch so nachhaltig, dass das Lesen eines Aquarienbuches keine Verbesserung des oben beklagten Status quo bringen würde. Kinder und Jugendliche wollen heute meistens Ergebnisse, Erfolge, Belohnungen umgehend hier und jetzt.

Meinen damaligen Weg zu den Aquarienfischen verdanke ich aber noch einem anderen Umstand - ich konnte (und durfte!) an die Teiche und Bäche, um Frösche zu fangen und Froschlaich mitzunehmen. So war es mir möglich, zuhause zu erleben, wie daraus Kaulquappen schlüpften, die ich dann fütterte, bis sie Hinterbeinchen bekamen usw. - ich kam aus dem Staunen oft nicht heraus und beschäftigte mich langsam immer mehr mit dieser Materie.
Kinder heute können dieses kaum noch wegen der mangelnden Anzahl von Feuchtgebieten und weil es außerdem auch verboten ist.

Es ist aber bei den meisten Lernprozessen immer noch so, dass Belehrungen gegen Erfahrungen nicht ankommen - ein Teufelskreis also?

Im Alter von sieben bis sechzehn sind unsere Kinder schulpflichtig. Lernen heißt für sie u.a. Lesen, Schreiben, Rechnen lernen und Erfahrungen machen, damit sie spätestens nach Verlassen der Schule imstande sind, ihr Leben zu meistern. Der Trend nach PISA zur Verbesserung der Bildungssituation bei uns geht u.a. in Richtung auf mehr Ganztags-Gesamtschulen - ich bin auch an so einer Schule, als Lehrer mit aquaristischer Kindheitserfahrung. Die Kinder sind zehn Stunden am Tag an unserer Schule, und wenn ich acht Stunden Schlaf und sechs Stunden sonstige Zeit von ihrem Tag abziehe, dann sind sie die meiste zusammenhängende Zeit bei uns Lehrern und Lehrerinnen. An solchen Ganztagsschulen gibt es natürlich nicht zehn Stunden hintereinander Unterricht - es gibt Freizeitstunden und Essensstunden und viele freiwillige Arbeitsgemeinschaften an den Nachmittagen, z.B. Mofa-AG, Fußball-AG und - richtig: Eine Aquaristik-AG "McFish".

Diese AG läuft jetzt seit über einem Jahr und ich staune über das Interesse und die freiwillige Mitarbeit von zwanzig Schülerinnen und Schülern aus allen Jahrgängen.
Das Lernen über Aquaristik funktioniert dabei anders als im klassischen Unterricht:
Als Biologielehrer war ich mal mit zwei Klassen zur Walduntersuchung im Wald und die Gruppe "Bodenproben" z.B. wunderte sich, wieso sie - zusätzlich zu ihren benötigten Proben - mehrere Säcke mit dem hellem Sand der dritten Schicht einer Kiefernmonokultur vollschaufeln und in den Kofferraum meines Pkw laden mussten. Andere Gruppen warfen sich vermutlich vielsagende Blicke zu, weil sie zusätzlich zur Pflanzenbestandsaufnahme im Mischwald mehrere Säcke voller Herbstlaub und größere Stücke Totholz mitnehmen sollten.
Die Neugier hielt auch in der Schule noch an, als ich einen Mattenfilter an der Stirnseite des ersten Aquariums einrichtete.

Nun haben wir - trotz reichhaltiger Ausstattung - für die AGs keine Extraräume, was bedeutet, dass sich die Aquarien in einem Unterrichtsraum befinden und also auch von allen, die dort Unterricht haben, gesehen werden.
Wenn ich den Raum aufschließe rennen alle erst mal zu den Aquarien um zu sehen, ob sich etwas verändert hat oder um überhaupt kurzzeitig in diese Welt abzutauchen (und da macht es keinen Unterschied, ob sie 13 oder 16 Jahre alt sind). Wenn zwischendurch - im Unterricht - mal eine Ruhezeit entsteht (Ende einer schriftlichen Arbeit, ein paar Schüler sind schon fertig usw.) - frage ich z.B. schon mal, ob jemand Lust hat, die Fische zu füttern o.ä. Dabei gibt es immer wieder Fragen zu den Aquarien und deren Bewohnern - wir schweifen im Unterricht immer wieder mal ab, wenn wir es uns leisten können.

Die Kinder haben sich anfangs natürlich gewundert, wieso die Aquarien zwei Monate lang unbewohnt waren und nur die Luftheber oberhalb der Matten vor sich hin plätscherten, wieso wir das Herbstlaub in die Aquarien gekippt haben und das Totholz ebenso. Aber das haben sie inzwischen begriffen und sie können einiges erzählen über Wasserwerte, Bakterien, und das Eingewöhnen von Fischen und vieles mehr.
Auch die Kollegen und Kolleginnen zeigen sich früher oder später interessiert und kommen die AG besuchen - eine Kollegin brachte neulich heimlich Froschlaich aus ihrem Gartenteich mit und die Kinder können nun doch noch die Metamorphose bewundern.

Klar haben sie dann in der AG doch mal einiges gelesen - ich hatte einen Stapel Fachzeitschriften dabei - und wir waren in einem großen Aquaristikladen, damit sie sich mal ihre Lieblingsfische aussuchen konnten. Das bedeutete dann Aussuchen, Nachlesen der Bedürfnisse dieses speziellen Fisches, mich fragen.
Inzwischen haben wir übrigens zwölf Aquarien, von denen wir alle bis auf das erste geschenkt bekommen haben - entweder von Eltern oder KollegInnen, die irgendwo ein unbenutztes Aquarium im Keller hatten, oder von einer anderen Schule, an der sich niemand mehr darum kümmerte.

Die ältesten Aquarien haben wir dann in der AG mit Aquariensilikon abgedichtet und der Werkstattmeister Arbeitslehre fertigte uns die Deckscheiben aus alten, nicht mehr benutzten Glastüren an. Die Fütterung und die Fischkäufe finanzieren wir durch einen Monatsbeitrag von einem Euro pro AG-Mitglied und die Ferienfütterung übernimmt der Hausmeister, der sich inzwischen auch für die Aquarien interessiert.

Alle Aquarien laufen mit Sand (aus der Kiefernmonokultur) und Mattenfiltern mit Lufthebern und nur drei von ihnen sind bisher mit Fischen besetzt. Die Kinder haben also inzwischen gelernt zu warten und ich weiß, dass einige auch langsam zuhause ihre Aquarien einrichten, und ich bin mir sicher, dass keiner von ihnen ein soeben eingerichtetes Aquarium mit Fischen besetzen würde.

Schulen werden zukünftig - anders als bisher - relativ autonome Wirtschaftseinheiten sein, die sich am "Markt" behaupten und dazu ein individuelles Profil vorweisen müssen, das sie von anderen Schulen unterscheidet, wenn sie denn den Wettbewerb um die Gunst der Eltern ihrer zukünftigen Schüler und Schülerinnen gewinnen wollen.

Wenn Sie wollen, dass es wieder mehr an Aquaristik interessierte Kinder und Jugendliche gibt, die keinen Fisch zu Tode "pflegen", dann stellen Sie den möglichen zukünftigen Schulen Ihrer Kinder die Frage, ob Ihr Nachwuchs an dieser Schule Erfahrungen mit der belebten Umwelt machen kann und meiden Sie Schulen, die den Eindruck bei Ihnen hinterlassen, dass dort überwiegend doziert wird und soziale und kommunikative Kompetenzen fehlen. (Die Länder, die in der PISA-Studie ganz oben stehen, haben solche Schulen nämlich kaum noch). Wenn Sie schon Eltern eines Schulkindes sind, fragen Sie nach in der Fachkonferenz Naturwissenschaften oder an anderer Stelle oder geben Sie diesen Beitrag hier als Beispiel weiter.

Und schimpfen Sie nicht mehr so viel, wenn Sie finden, dass die Jugend von heute nicht mehr ausreichend informiert wird, weil Sie nämlich damit am wirklichen Thema vorbeischimpfen:
Informationen (also Wissen) haben die Menschen heutzutage mehr als in allen Jahrhunderten davor - wir wissen z.B. dass Abgase und FCKW usw. unserer Umwelt immensen Schaden zufügen. Aber unsere Welt wird vielleicht eines Tages daran zugrunde gehen obwohl es alle "immer schon gewusst haben".

Vor den Erwerb von Informationen muss nämlich erst mal ein Interesse geweckt werden und die Kinder müssen ihre Erfahrungen damit machen können - der Rest kommt dann fast von selbst!

Klaus Dreymann, Berlin, 2005